Unveröffentlichte Episoden aus dem Reiche Himmelblau 4

Die Reichsapfelernte – Der Flug über die Berge

Die königliche Reisegesellschaft hat die Grenzen des Reiches Himmelblau verlassen und unter ihnen liegt nun Dragoland. Riesige Mammutbäume, Sumpflandschaften in denen sich Krokodile in der Sonne aalen und kleine Teiche mit außergewöhnlich bunten und bizarren Fischen. „Na, Herr Birger“, meint Baron Wangenrot von oben herab, „das wäre wohl weder ein guter Lagerplatz, noch ein entsprechendes Jagdrevier gewesen. Hier wären wohl Sie der Gejagte und wohl kaum der Jäger.“ Birger nickt und ist froh. „Es sind nicht die großen Drachen die hier gefährlich sind, denn diese sind Vegetarier, es sind die Kleinen die einem gefährlich werden könnten“, erklärt er weiter. Friedrich und Balduin müssen unweigerlich an ihre sonderbare Begegnung beim Jagen des Geburtstagsblaustreifenfisches für ihre Mutter denken, denn da hatten sie zum ersten Mal einen Drachen gesehen. Er war es, der ihren Streit um den Fisch geschlichtet hatte indem er ihnen einen Zweiten schenkte. Noch nie haben die beiden über dieses Ereignis gesprochen, denn sie hatten Bedenken, dass ansonsten ihre Mutter sie aus Sorge nicht mehr aus der Voliere lassen würde. Sie blicken sich an und ihre Blicke sagen, dass dies auch weiterhin so bleiben sollte. Hinter Dragoland erheben sich hohe Gebirgsmassive die teilweise mit Schnee bedeckt sind. „Felsland“, stottert Birger, denn noch nie hatte er die großen Felsen gesehen. Er kennt sie nur aus Erzählungen seines Großvaters, der ein großer Abenteurer war und vor vielen, vielen Jahren eine Nacht mit den Bergdohlen bei eisiger Kälte am Gipfel eines dieser Berge zugebracht hatte. Er hätte nicht überlebt, erzählte er theatralisch, wenn ihn nicht die Bergdohlen sprichwörtlich unter ihre Fittiche genommen und ihn somit gewärmt hätten. An dieser Stelle zeigte ihm sein Großvater immer seinen linken Fuß, an dem eine Kralle fehlte, die ihm in dieser Nacht abgefroren war. Birger schüttelt sich, um sich von den Gedanken an Großvaters Erlebnisse zu befreien. Die Sonne steht bereits tief und bald würde sie hinter dem kleineren der Felsgipfeln verschwinden. Sie hatten bei der letzten Rast Zeit verloren und so werden sie wohl oder übel hier in der kargen Landschaft nächtigen müssen, denkt sich Birger und es gruselt ihm leicht bei dem Gedanken und auch, weil hier kein Teich in seiner Karte eingezeichnet ist. Baron Wangenrot, der den Weg schon einmal geflogen war, lästert und meint zynisch, was es denn heute Abend wohl zum Schnabulieren geben würde, denn er hätte keine Lust auf Flechten und Moos, da er kein Vegetarier sei. Birger ist etwas ratlos, fliegt aber unbeirrt weiter. Bei einem Felsvorsprung, den er als Nachtlager auserkoren hat, landen sie. Johannes von und zu Beere, der das schwerste Gepäck zu tragen hat, stöhnt leise und legt sorgsam den Rucksack mit dem vermeidlich königlichen Inhalt in eine Felsmulde und seufzt dabei erleichtert. Die Jungs, unbeirrt und durch ihr tägliches Training wohl körperlich sehr trainiert, nehmen ihre, von Florinda sorgsam bemalte Fischblase, und spielen zur Entspannung etwas Flügelball. Baron Wangenrot, müde und hungrig, bezieht sein Lager neben Herrn von und zu Beere in der Hoffnung, doch noch an seinen Rucksack zu kommen. Hungrig blickt er in seine Richtung und es läuft ihm dabei unwillkürlich das Wasser im Schnabel zusammen. Birger hingegen sucht die Umgebung nach Essbaren ab, immerhin ist er der Jäger und sollte dafür sorgen, dass immer genug Fisch auf den Tisch kommt. Unweit der Lagerstätte entdeckt er ein kleines Rinnsal, das über die Felsen gurgelt. Erleichtert, denn das verspricht Fisch, landet Birger am Ufer. Doch es ist weit und breit kein Fisch zu sehen. Birger, der sehr aufmerksam ins Wasser starrt, entdeckt eine Bewegung hinter einem kleinen Felsen. Flusskrebse tummeln sich hier und Birger ist erleichtert. Er schnallt sich den Rucksack vom Rücken, den er in weiser Voraussicht bereits beim Lager entleert hatte, und pickt flink, denn Krebse sind nicht dumm, einen nach dem anderen aus dem Wasser und verstaut sie im Rucksack. Mit reichlicher Beute fliegt er und das sehr schnell, denn die Krebse zwicken ihn ziemlich unangenehm in den Rücken, zurück zum Lager. Johannes von und zu Beere hat noch kein Feuerchen gemacht, denn auch er rechnete nicht mit Beute. Sein Magen hatte sich schon auf „Korvapuusti“ eingestellt. Als er Birger beladen ankommen sieht, beginnt er die Feuerstelle einzurichten und rasch ein Feuerchen zu entfachen. Baron Wangenrot, hungrig und neugierig, inspiziert sogleich den Rucksack. Er kann gar nicht so schnell reagieren und schon hat sich ein Krebs an seinem Schnabel festgezwickt. Auch heftiges schütteln und rütteln hilft nichts, der Krebs hängt fest. Herr von und zu Beere muss eingreifen, um ihn von seiner misslichen und lächerlichen Lage zu befreien. Alle krümmen sich vor Lachen und Baron Wangenrots Gesichtsfarbe verändert sich, wie sein Name schon sagt, in ein tiefes Rot. Das ist ihm außerordentlich zuwider und er verzieht sich peinlichst berührt in eine Ecke des Felsvorsprungs. Friedrich und Balduin holen mit einem Blechtopf Wasser vom Bächlein und Birger kocht darin die Krebse. „Ah, dazu würde ein Maisbrötchen mit Basilikumaufstrich und Erdbeergelee als süße Note vortrefflich schnabeln“, denkt schwärmerisch Baron Wangenrot und wirft schmachtende Blicke zu seinem Rucksack. Diese Blicke und sein lautes Magenknurren sind dem aufmerksamen Herrn Beere nicht entgangen und er schaut seinerseits in Richtung Rucksack. Als sich die Blicke der beiden treffen versteht Herr von und zu Beere allzu gut, was er denn die ganze Zeit schwerlich mittragen musste. Wangenrot, der sich ertappt fühlt, senkt seinen Blick und seine Wangen erglühen wieder im tiefsten Rot, womit er seine Vermutung bestätigt sieht. „Na gut Baron, zeigen sie uns den Inhalt Ihres Rucksackes“, zwitschert leicht erbost jedoch die höfische Kontenance nicht verlierend, Herr Beere. Langsam schleicht Wangenrot zum Rucksack und stellt ihn in die Mitte der erstaunten Runde, die von dem Vorgang nichts mitbekommen hat. Wangenrot öffnet ihn und zaubert daraus die herrlichsten Köstlichkeiten. Erleichtert lachen alle, klopfen ihm auf die Schulter und freuen sich. Baron Wangenrot, der seine Fassung wiedererlangt hat, meint nur trocken, „ich habe eben vorgedacht und mit Weitblick vorgesorgt.“ Alle schütteln sich vor Lachen, laben sich an dem herrlichen, fast schon königlichen Mahl und sind glücklich und zufrieden. Nur Baron Wangenrot nicht, denn die Blicke von Herrn Beere sagen ihm allzu deutlich und unmissverständlich, dass er ab morgen seinen Rucksack werde selber tragen müssen und das schmerzt ihn zutiefst.

Unveröffentlichte Episoden aus dem Reiche Himmelblau 3

Die Reichsapfelernte – Unerwartete Herausforderungen

Zur Mittagszeit hat die königliche Fluggemeinschaft bereits die Grenze des Reiches Himmelblau erreicht und Birger, der gemeinsam mit Baron Wangenrot die Spitze der Schar übernommen hatte, denn er besitzt ja den Flugplan und Wangenrot vermeidlich die Kenntnisse der Route, setzt zur Landung an. Eigentlich wollte er erst beim Drachenfischteich im angrenzenden Dragoland halt machen, um die Gruppe mit frischem schmackhaften Schlammhimmelsguckern und Krokodilzahnfischen zu versorgen, doch Baron Wangenrot, dem erstens der Magen bereits unglaublich knurrt und zweitens auch wähnt, dass es dort viel zu gefährlich sei, veranlasst Birger noch in heimatlichen Gefilden die erste Rast abzuhalten. Leider ist kein Teich weit und breit in Sicht und Birger holt für die erste Stärkung die „Korvapuusti“, die ihm Finnja dankenswerterweise noch am Morgen zugesteckt hatte, aus seinem Rucksack. Friedrich und Balduin schnabeln mit Freude das herrliche Zimtgebäck und während noch Baron Wangenrot und Johannes von und zu Beere über die schlechte Versorgung mosern, haben die Burschen sich einen Fischblasenball geschnappt und trainieren ihr Flügelspiel. Schließlich dient dieses ja als Sicherheits- und Geschicklichkeitsübung für die richtige Handhabung des Reichsapfels. Baron Wangenrot der zu gerne einige Köstlichkeiten aus seinem geheimen Gepäck schnabuliert hätte ist ungehalten ob der Situation, keinen ordentlicher Fisch zu bekommen und ebenso, dass kein Herankommen an seinen Rucksack möglich ist, denn diesen hat ob der Wichtigkeit des vermeidlich königlichen Inhaltes, Johannes von und zu Beere unter seine Fittiche genommen. Das bedeutet somit auch, kein ordentliches Mittagessen in unmittelbarer Sichtweite. Birger, der die Position als Rotstreifenfischoberfangmeister innehat, er hatte sich in der Nacht zuvor die Wegstrecken zu den Fischteichen berechnet und seine Versorgungsstellen peinlichst genau notiert, ist mit dieser Situation leicht überfordert. Griesgrämig betrachtet er seinen Reiseplan und beschließt sich auf den Weg zum Fluss, der hundertfünfzig Flügelschläge entfernt das Land der Grüngefiederten durchquert, zu machen, um dort sein Glück zu versuchen. Rasch leert er seinen Rucksack, denn diesen benötigt er zum Fischtransport und macht sich auf. Bald hat er den Fluss erreicht und hält Ausschau nach Fischen. Gut, dass er in diesem Land aufgewachsen ist und in seiner Jugend in Flüssen zu fischen gelernt hat, jedoch es fehlt ihm etwas an Übung. Währenddessen warten Baron Wangenrot, dessen Magen bereits so laut knurrt das eine Unterhaltung fast unmöglich macht, und Herr von und zu Beere ungeduldig auf seine Rückkehr. Die Burschen üben unermüdlich ihr Flügelspiel und stellen sich schon richtig geschickt an. Das Training mit Baron Schwingenschlögel und die Übungen mit den Lappeenranta-Drillingen haben sich bezahlt gemacht, reüssiert Johannes von und zu Beere, auch wenn er leidvoll an die Fischblasenfetzen die unschön die Eingangshalle zierten, denken muss. Birger, der nach einigen misslungenen Anläufen nun den ersten Schrätzer und gleich darauf einen Zingel, beides schmackhafte Flussfische, fangen konnte ist motiviert und sein Jagdtrieb läuft nun auf Hochtouren. Mit vollem Rucksack, etwas zerzaust aber absolut stolz, fliegt er zurück zu seiner hungrigen Truppe. Baron Wangenrot, der sich doch dazu herabgelassen hatte ein Zimtbrötchen zu essen, denn es war ihm schon leicht schlecht geworden, liegt in bequemer Seitenlage als Birger mit seinem Fang zur Gruppe stößt. Gut, dass Herr Beere bereits geistesgegenwärtig eine kleine Feuerstelle gebaut und ein Feuerchen entfacht hatte, denn so kann es gleich an die Zubereitung gehen. Auf vorbereiteten Zweigen werden die Fische gespießt und anschließend als Steckerlfisch serviert. Die kleine Campinggruppe labt sich königlich am reichlichen Fang, nur Baron Wangenrot ist nicht ganz zufrieden über das Mahl da es ihm an Beilagen mangle, meint er und denkt verdrossen an seinen Proviant der für ihn so unerreichbar geworden ist.

Aus meinem Buch BEONIMUS RABENBEIN erzählt „Seemannsgarn & Küchenlatein“

Petri Heil

Schon früh am Morgen macht sich König Schnabelfroh auf zur allwöchentlichen Reichsbesichtigung. Er schultert seinen Reichsapfel, rückt seine Krone zurecht und fliegt los. Am Vortag hatte es ein heftiges Gewitter gegeben und der Wasserstand seiner Teiche ist heute besonders hoch. Der kleine Rosatupffischteich ist sogar etwas über die Ufer getreten. Der wundervoll blaue und wolkenlose Himmel verheißt wieder tolles Bade- und Fischfangwetter. Noch stehen kleine Nebelschwaden und Schwärme von Mücken über den Teichen und seine Fische laben sich am reich gedeckten Tisch. Fröhlich springen sie aus dem Wasser und nehmen ihr frühmorgendliches Mückenfrühstück ein. König Schnabelfroh notiert: Hoffischfangjäger mit dem Fischfang am Rotstreifenfischteich beauftragen, um die königliche Vorratskammer wieder etwas aufzufüllen. Er fliegt zum kleinen Wäldchen und weiter an die nördliche Grenze seines Reiches. Schon von Weitem hört er ein Geräusch, das hier noch nie zu hören war. Er fliegt vorsichtig und langsam, denn man kann ja nie wissen was einem erwartet, weiter in die Richtung von der er das Rauschen ortet und in der sich sein Blaustreifenfischteich und der kleine nördliche Grenzfelsen befindet. Er staunt nicht schlecht als er dort angekommen vor einem fröhlich sprudelnden Wasserfall steht. Der Wasserfall mündet geräuschvoll in seinen Blaustreifenfischteich. Der starke Regen dürfte wohl ein Loch in das Gestein gespült und so die unterirdische Mündung des Flusses mit Geröll verschlossen haben. Nun plätschert er ungestüm über seinen Grenzfelsen. Die Fische freuen sich offensichtlich über die Abwechslung und springen den Wasserfall hinauf, um sich anschließend kopfüber in den Teich zu stürzen. Ein herrlicher Anblick und König Schnabelfroh schaut überaus fasziniert dem spielerischen Treiben seiner Fische zu. Blitzschnell kommt ihm eine geniale Idee und er fliegt schnurstracks zurück zur königlichen Voliere. Leise schleicht er in die Küche, gut dass Anton sein Leibkoch noch zu schlafen scheint, geht in die Vorratskammer und holt sich einen aus Draht geflochtenen Korb in dem Anton ansonsten die Fische zum trocknen aufhängt. So ausgerüstet fliegt er zurück zum kleinen Wasserfall. Seine Frau Rosaschnabel liebt kross gebratene Blaustreifenfische und mit diesen will er sie heute zum Frühstück überraschen, Reichsbesichtigung hin oder her, ein König muss tun was er tun muss. Er wartet den richtigen Zeitpunkt ab und beim vermeidlichen Kopfsprung der Fische in den Teich hält er einfach den Korb unter den Wasserfall. Kopfüber landen die verdutzen Fische im Drahtgestell. König Schnabelfroh, überaus stolz ob seines kreativen Einfalls und über den Fang schultert den Korb, wohlweislich hatte er seinen Reichsapfel zu Hause gelassen, und fliegt mit seiner reichlichen Beute zurück zur königlichen Voliere. Anton staunt nicht schlecht, als sein König ihm die Fische auf den Tisch stellt und ihn bittet sie zum Frühstück zuzubereiten. Müde macht er sich ans Werk, denn er ist heute etwas später aufgestanden, da er das königliche Frühstück bereits am Vortag vorbereitet hatte. Es sollte nämlich Würmchenaufstrich auf frischen Maisbrötchen, die er bereits in den Ofen gesteckt hatte, Feldsalädchen mit Nusstopping, Zucchini-Gazpacho und geräucherten Rosatupffisch geben. Gähnend schuppt er die Fische und der Gedanke, dass sein König möglicherweise nicht nur seine Gemahlin überraschen will, sondern selbst keine Lust auf Rosatupffisch hat, denn diese sollte er laut Königin Rosaschnabel figurtechnisch zu sich nehmen, lässt ihn nicht los. Doch der Wunsch seines Königs ist ihm Befehl und schon braten die Fische knuspernd in der Pfanne.

Aus meinem Buch BEONIMUS RABENBEIN – Klatsch & Tratsch

Waldemar von Piepschnabel-Eschenwalde

Der Samstagnachmittag ist für Waldemar Piepschnabel-Eschenwalde, der Tag an dem er sich im schönsten Nachmittagsausgehrock und gestylten Kopffedern in der Stadt zeigt. Er ist einer der Reichsten der Gemeinde, besitzt eine große Voliere samt angrenzendem Wald in der Vogelgemeinde Eschenwalde und bekleidet auch das ehrenvolle Amt des Obervogelmeisters. So spaziert er stolz mit seinem Gehstock die Flaniermeile entlang. Wie jeden Samstagnachmittag tummelt sich hier die Schickeria von Eschenwalde und Umgebung. Es ist ein sonniger Nachmittag und alle Lokale sind voll besetzt. Die Herren sitzen, sich über die neuesten Flugmodelle unterhaltend, bei einem Glas Hopfen- oder Traubensaft, während die Vogelmädchen die neuesten Modellkleider und -schuhe in den Boutiquen unter Augenschein nehmen. Lautes ausgelassenes Gehüpfe, Gefliege und Gezwitschere. Mitten durch das Getümmel stolziert erhobenen Hauptes Waldemar Piepschnabel-Eschenwalde. Herr Waldemar ist jedoch nicht nur um des Gesehen Werdens in die Stadt gekommen, er ist auch schon des längeren auf Brautschau. In seiner Voliere fühlt er sich trotz Personal etwas einsam. Weibliches Gezwitschere fehlt ihm und er findet seine Voliere viel zu aufgeräumt, nichts steht herum, keine Kräuterschale hier und kein getrocknetes Blumensträußchen dort. Auch in seinem Vogelband ist noch viel Platz für Tübchen, Cremedöschen, Duftfläschchen und rosa Federfärbepasta. Während er in Gedanken versunken bei einem Blumengeschäft in die Auslage starrt, sieht er in der Spiegelung des Fensterglases ein Mädchen mit wunderbaren rosa Brustfedern und der tollsten Gimpelfigur vorbeigehen. Er ist wie paralysiert. Das ist sie, denkt er sich, das ist meine Traumfrau. Er eilt in das Blumengeschäft und holt eine Duftbecherglockenblume, eine sehr seltene Wiesenblume, die hinter dem Geschäft von Herrn Blumenkorn gezüchtet wird. Das hübsche Gimpelmädchen hat sich mittlerweile im Eissalon „Naschamsel“ niedergelassen und schnäbelt an einem Erdbeereis. Er verneigt sich kurz, ihr die Blume hinreichend, und bittet Platz nehmen zu dürfen. Josefine Freifräulein von der Vogelwiese, so heißt das Gimpelmädchen, ist sehr erstaunt über so viel Etikette, zu viel denkt sie, aber nickt ihm freundlich auffordernd zu. Josy, so nennen sie alle, stammt aus einem verarmten Adelszweig. Die Familie „von der Vogelwiese“ besitzt nur noch den Namen, ansonsten wohnen sie in einer Vogelkolonie, die an die große Blumenwiese angrenzt. Beide kommen ins Gespräch und Waldemar Piepschnabel-Eschenwalde ist äußerst erfreut über die Zwitscherfreude und ihre ungezwungene Art und Wortwahl. Während Josy ohne Punkt und Komma ihm sein Leben vorzwitschert, sieht Herr Waldemar sie schon vor seinem geistigen Auge seine Voliere mit rosaroten Schälchen, Blümchen und Pölsterchen schmücken und mit ihrem lustigen Gezwitschere über die neueste Mode seinem Personal, das die Ruhe gewohnt war, auf die Nerven gehen.

Aus meinem Buch BEONIMUS RABENBEIN „Seemannsgarn & Küchenlatein“

Die Möwe Arndt

In dem schönen Nordseestädtchen Lübeck wohnt Arndt. Er ist Innenarchitekt und nennt sich Monsieur Arndt le Ensemblier, weil sich das viel stylischer anhört und bei seinen Kunden, die meisten gehören zu der oberen Möwengesellschaft, für Anerkennung und Respekt sorgt. Sein Credo, Farben sind nur Ablenkung vom Wesentlichen. So richtet er die Appartements hautsächlich in schwarz und weiß ein. Nur manchmal lässt er sich dazu hinreißen, wenn es architektonisch nicht anders möglich ist, auch einmal grau zu verwenden. Er hat viele Kunden, denn schwarzweiß liegt derzeit im Trend und gilt als das absolute Must in der High Society. Wer etwas von sich hält, geht mit seinen Wünschen zu Arndt. Arndt selbst stammt aus einer Großfamilie, in der es immer sehr turbulent zuging. Er hat fünf Geschwister, alles Mädchen die, so wie halt Mädchen einfach sind, sich gerne mit den buntesten Farben umgeben. Ganz besonders rosa war in ihrer Behausung ganz stark vertreten. Darum ist für Arndt die Farbe rosa ein absoluter Gräuel. Selbst beim Essen verzichtet er auf Farbe. Am Liebsten isst er Tintenfischlinguine mit Sahnesauce, darüber etwas Parmesan. Wenn er Obst isst, besorgt er sich entweder Liechti, oder geschälten Apfel und Birne. Er verwendet nur Weißbrötchen, auch wenn sie nicht wirklich weiß sind, aber über diesen Makel sieht er hinweg, Hauptsache sie heißen so. Er badet gerne im Meer, um sich anschließend von der Sonne trocknen zu lassen, denn Salz und Sonne bleichen und er will, dass sein Gefieder ganz weiß ist. Seine Beine und Krallen pflegt er mehrmals täglich mit Tintenfischsalbe, um sie schwärzer und glänzender aussehen zu lassen. Sein Appartement ist selbstverständlich nur in Schwarz und Weiß gehalten. Er bedauert es sehr, dass er nicht in Florida leben kann, denn in Sarasota, das hat er gelesen, gibt es absolut weißen Sand. Der soll so weiß sein, dass er auch bei der ärgsten Hitze sich immer noch kühl anfühlt. Manchmal hadert er sehr mit seinem Schicksal hier in Lübeck aus dem Ei geschlüpft zu sein. Natürlich trägt er ständig eine ganz dunkle Sonnenbrille, auch des Nachts, denn die Farben würden sonst sein stylisches Auge beleidigen. Manchmal, wenn ihm sein Essen sozusagen beim Schnabel heraushängt, denn so viele Speisen in Schwarzweiß gibt es dann doch nicht, wagt er sich in ein ganz besonderes Lokal, denn dort isst man im Dunklen. Wenn er es nicht sehen muss, den Kompromiss geht er ein, schmecken ihm die Speisen vorzüglich. Heute ist wieder so ein Tag, an dem ihm kochtechnisch nichts mehr Kreatives einfällt. Er beschließt das Lokal „Dunkelkammer“ aufzusuchen, um dort das Abendmahl einzunehmen. Dort trifft sich auch die High Society von Lübeck und Umgebung und vielleicht kann er da noch nebenbei ein paar Geschäfte lukrieren. Er cremt seine Beine und Krallen mit Tintenfischcreme, setzt seine Sonnenbrille auf und macht sich auf den Weg. Schon beim Betreten des Lokals fühlt er sich ganz in seinem Element, endlich keine Farben mehr. Er wird von einer freundlichen Bedienung zum Tisch geführt, an dem offensichtlich schon eine weitere Dunkelesserin sitzt, denn sie begrüßt ihn mit einem freundlichen „moin, moin“, mit englischem Akzent. Was serviert wird, ist natürlich eine Überraschung und wird nicht mitgeteilt, denn das ist auch der Sinn der Sache. Die freundliche Kellnerin bringt gleich ein Getränk und stellt die Vorspeise ein. Bevor er zu essen beginnt, stellt er sich selbstverständlich, weil es sich so gehört und weil sie möglicherweise an einer Umgestaltung ihres Appartements interessiert sein könnte, vor. „Arndt le Ensemblier, Innenarchitekt“. „Abigail, Tourist Guide, Reiseführerin, aus Amerika, antwortet sie in ihrem schönsten deutsch mit amerikanischen Slang“. „Darf ich sie fragen woher genau Sie kommen“, frägt Arndt sie neugierig. „Desota, Floridas Westküste, genau genommen aus Sarasota“. Fast wäre Arndt vom Stuhl gefallen, als er das hört und um nicht die Kontenance zu verlieren, trinkt er schnell einen Schluck. Man kann sich vorstellen, dass Arndt sehr viele Fragen hatte und der Abend für ihn und offensichtlich auch für Abigail, ein sehr Gelungener war. Sie haben sich ausgemacht genau in einem Monat, denn da würde sie wieder mit einer Reisegruppe auf Nordseetour sein und in Lübeck Zwischenstation machen, sich wieder hier in der „Dunkelkammer“ zu treffen. Dieser Monat war für Arndt gefühlt viel länger als die anderen Monate zuvor. Wer ist dieses Mädchen aus Sarasota mit der wunderbaren Stimme, diese Frage ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Endlich, der Monat ist vorbei und der besagte Abend steht vor der Tür. Bereits am Nachmittag hat er ein ausgiebiges Meeressonnenbad genommen und seine Beine und Krallen noch sorgfältiger eingecremt als sonst. Er kann es kaum erwarten bis es Abend wird. Nervös stolziert er in seinem Appartement hin und her, betrachtet sich im Spiegel, zupft mal hier und mal da an seinen Federn und probiert jede Sonnenbrille seiner Sonnenbrillenkollektion. Endlich ist es Abend, ein kurzer Blick in den Spiegel und los geht’s. Die Kellnerin führt ihn zum Tisch, den sie bereits vor einem Monat reserviert hatten. „Moin, moin, Arndt“. Da ist sie wieder, die wundervolle Stimme des wundervollsten Mädchens aus Sarasota, denkt sich Arndt und sein Möwenherz fängt an Kapriolen zu schlagen. Der Abend war, wie nicht anders zu erwarten, traumhaft und da Abigail das offensichtlich auch so empfand, war sie einem weiteren Treffen nicht abgeneigt, denn Arndt hat sie für den kommenden Abend zu sich nach Hause eingeladen. Er würde kochen, etwas ganz Exquisites, hatte er ihr versprochen. Den nächsten Tag verbrachte Arndt mit polieren seiner Wohnung und sich selbst. Mit Kochvorbereitungen, natürlich wird es seine Lieblingsspeise geben, Tintenfischlinguine mit Rahmsauce und zur Feier des Tages, mit Champignontopping und einer Prise Parmesan. Als Vorspeise frische Austern und als Nachspeise Schokoladenmousse aus der dunkelsten Schokolade die er bekommen konnte. Als Tischdekoration hat er noch schnell vom Markt schwarze und weiße Stockrosen besorgt und fein säuberlich in eine weiße Vase drapiert, die er gerade noch auf seinen schwarzen Granittisch stellen konnte, als es auch schon an der Tür klopft. Nervös setzt er seine stylishste Sonnenbrille auf, blickt kurz in den Spiegel und öffnet zaghaft die Tür. „Moin, moin Arndt, ich freue mich dich zu sehen“, englischt freudig Abigail und streckt ihm einen Strauß rosa Pfingstrosen entgegen. Gut, dass Arndt eine Sonnenbrille aufhat, so kann Abigail seinen erstaunten Blick nicht sehen. Freudig geht sie hinein und umarmt ihn mit einem Küsschen rechts und einem Küsschen links. Arndt aus seiner Starre erwacht hilft ihr, immer noch paralysiert von ihrem Anblick, aus ihrem rosa Mantel und hängt ihn an seine schwarze Garderobe. Er hat mit vielem gerechnet, aber mit einer Rosalöfflerin nicht, obwohl er weiß, dass Rosalöffler in Florida leben. „Du lebst aber ganz schön reduziert“, meint sie nur kurz. Arndt bittet sie Platz zu nehmen, schenkt ihr ein Glas Gänseblümchenwein ein und verschwindet mit den Worten „komme gleich“ in der Küche. Abwesend nimmt er eine schwarze Vase, gibt die Pfingstrosen hinein und stellt sie anschließend auf den Tisch neben sein schwarzweißes Arrangement. Er holt die vorbereiteten Austern aus der Küche, ein kleines Kännchen Zitronensaft, den er sich hatte frisch pressen lassen, um nicht von der Farbe Gelb belästigt zu werden, und bringt alles in sein Esszimmer. Komisch, dieses Rosa, aber irgendwie passt es als Farbtupfer gar nicht so schlecht in den Raum, denkt er sich noch als Abigail schon beginnt ihm munter von ihrem Tag mit der Reisegruppe zu erzählen. Sie unterhalten sich, wie die beiden Abende zuvor, köstlich und Arndt vergisst ganz, dass er rosa eigentlich gar nicht mag, denn Abigail mag er sehr.

Aus meinem Buch BEONIMUS RABENBEIN – KLATSCH UND TRATSCH

Priscilla Mirlinda Freudenreich

Ich gebe ja zu, denkt sich Priscilla Mirlinda während sie sich von allen Seiten im Spiegel betrachtet, ich gebe es wirklich zu, dass ich etwas shoppingsüchtig bin. Sie stolziert zu ihrem Kleiderkasten und sucht sich schon das x-te Kleidungsstück aus ihrem Schrank. Keines will ihr heute so richtig gefallen. Ich habe nichts anzuziehen, denkt sie sich, während sie zehn Kleider samt Bügel auf ihr Bett drapiert. Sie holt sich aus dem Schuhschrank zehn paar Schuhe und stellt sie abwechselnd zu den drapierten Kleidern. Und es fällt ihr wie Federn von der Braue, ich habe wirklich keine passenden Schuhe. Eine absolute Katastrophe. Sie hat heute ihr allwöchentliches Treffen mit ihrer Mädchenclique im Eissalon „Die kleine Eisprinzessin“ das direkt in der Einflugschneise, der sogenannten Flaniermeile, im Herzen des kleinen Birkenwäldchens „Südwind“ liegt. Sie muss heute wieder perfekt gekleidet sein, das ist ein absolutes Muss, alte Klamotten sind ein No-Go, wie die Amerikaner so schön zu sagen pflegen. Kurz entschlossen, streift sie ihren geliebten Tupfenzweiteiler, den sie schon jahrelang im Schrank hat und immer wieder gerne bei „Schrankalarm“, was bedeutet „ich habe nichts anzuziehen“, über und macht sich auf in die nächste In-Boutique. Sie weiß von ihrer besten Freundin, Xara Liridona, dass tags zuvor die neueste Kollektion aus Milano eingetroffen ist. Es sind nur zehn Flugminuten von ihrem Zuhause entfernt, denn Prissy, so wird sie von ihren Freundinnen genannt, wohnt in einem kleinen aber schicken Appartement am Waldesrand mit Blick auf den Fluss. Im Schaufenster hängt ein Schild „Auslage in Arbeit“. Neugierig betritt Prissy die Boutique. Die Verkäuferinnen sind, in Schachteln wühlend, mit dem Auspacken der Kollektion beschäftigt. Eine der Verkäuferinnen hat sie hereinkommen gesehen und eilt ihr entgegen. „Oh, das gnädige Fräulein kommt auch direkt aus Milano?“, meint sie freudestrahlend. „Schön der neue Trend, nicht wahr? Wir haben auch noch andere Farben im Programm, ein kleines Minütchen, ich bin gleich bei Ihnen“, meint sie, verschwindet im Lager und lässt Prissy erstaunt zurück. Kurz darauf erscheint sie mit einem rosa-, gelb- und grüngetupften Zweiteiler im selben Stil wie Prissys`. Zum ersten Mal ist sie am absolut aller, aller neuesten Stand der Frühlingsmode und so fliegt sie gleich, ohne sich umzuziehen, zum Treffen mit ihrer Clique. Als sie den Eissalon „Die kleine Eisprinzessin“ betritt staunt sie nicht schlecht, als alle Freundinnen im neuen Tupfenschick gekleidet sind, jeder in einer anderen Farbe. Haben jetzt alle ihre alten Klamotten an oder sich neue gekauft, denkt sich Prissy, doch leider wird sie das nie erfahren, denn sonst müsste sie zugeben, dass sie sich keine neuen Klamotten gekauft hatte. Es wurde wie immer noch ein ausgesprochen schöner Nachmittag, denn sie waren wieder einmal Stadtgespräch und die Stadtzeitung schrieb unter dem Titel „Bunt getupft ist schon die halbe Miete“ einen stylishen Artikel über die Clique und das ist natürlich die Hauptsache.

Kurzgeschichte aus meinem Buch „BEONIMUS RABENBEIN“ Klatsch und Tratsch

Malgorzata Kranichovskaja

An der Ostseeküste, dort wo der Fluss Oder in das Stettiner Haff mündet, lebt Malgorzata. Ein herrlicher Ort für Wasservögel, denn es gibt Süß- und Salzwasser, wenn man Wasser mag. Malgorzata mag es nicht, naja, mit den Füßen bis maximal zu den Knöcheln, das geht, aber mehr kann sie sich nicht vorstellen. Sie findet das Wasser kalt und vor allen Dingen zu nass. So hatte sie schon lange beschlossen, sich hauptsächlich vegetarisch zu ernähren, denn da muss sie nicht ins Wasser gehen. Manchmal gibt es Froschschenkel, falls ihr einmal ein Frosch aus lauter Übermut vor den Schnabel springt. Sie hat nicht viele Freunde bei den Langstelzern, da sie auch nicht schwimmen kann. Malgorzatas Freunde sind Schwalben und Stare, denn denen ist ihre Eigenheit gar nicht peinlich. Das Leben mit ihren Freunden an der Ostseeküste macht Malgorzata grundsätzlich Spaß, wenn da nicht immer der kalte Wind wäre. Wahrscheinlich liegt ihre Kälteempfindlichkeit daran, dass ihr Vater ein Storch war, und sie deshalb etwas anders ist, als die anderen Kraniche. Nach langer, langer Planung beschließt Malgorzata eines schönen Herbstages, noch bevor es zu kalt werden würde, in eine wärmere Region zu ziehen. Schon lange liebäugelt sie mit Florida, denn dort soll es das ganze Jahr über warm sein, das haben ihr so einige Zugvögel im Vorbeiflug zu gezwitschert. Über ein Jahr lang hat sie schon ihre Reise vorbereitet, heimlich, denn sie wollte nicht, dass ihr das Vorhaben von ihren Freunden wieder ausgeredet wird. Sie hat sich das Buch Zwitschern in Florida leicht gemacht besorgt, die Sprache gelernt und sich über die Reiseroute genauestens informiert. So packt sie ihre sieben Sachen in einen Rucksack und macht sich eines Morgens ganz früh auf den Weg. Malgorzata kann zwar nicht schwimmen, aber sehr gut und ausdauernd fliegen. Sie hat sich bei den Zugvögeln genau erkundigt, wo sie Rast machen und ihre Vorräte auffüllen kann. Nun ist es endlich soweit. Sie kritzelt mit ihrem Schnabel eine Nachricht an ihre Schilftür, denn sie will nicht, dass sich ihre Freunde Sorgen um sie machen und startet ihre lange Reise. Es sind fast achttausendundvierhundert Kilometer bis Miami Beach, denn das ist ihr genaues Ziel. Von Polen bis an die französische Küste ist es leicht, denn es gibt viele Rastplätze. Schwierig wird es erst dann, wenn sie von der Westküste Frankreichs über das große Meer fliegen muss. Dort kann sie erst wieder auf den Azoren haltmachen, einer Inselgruppe, die im ersten Drittel der Wegstrecke über den großen Ozean liegt. Ihr Plan ist, ein Monat in einer kleinen Stadt an der französischen Westküste zu verbringen, um Kraft zu tanken. So fliegt sie also in die westfranzösische Stadt. Dort haben sich viele Zugvögel versammelt, die sich ebenfalls nochmals ausrasten und ihre Vorräte auffüllen. Sie bieten Malgorzata an mit ihnen in der Schar mitzufliegen, weil es so sicherer für sie wäre, meinen sie. So erreicht Malgorzata in der großen Vogelschar sicher die Azoreninseln. Nach ein paar Tagen Rast und ausgiebigem Essen fliegen sie weiter zu den Bahamas, von dort aus werden es nur noch 90 Meilen bis an die Südspitze Floridas sein. Von hier aus muss nun Malgorzata alleine fliegen, denn die Vogelschar fliegt eine ganz andere Route. Sie ist aufgeregt, denn jetzt ist sie auf sich alleine gestellt. Sie verabschiedet sich flügelschlagend bei den anderen, füllt ihre Vorräte auf und macht sich auf den Weg. Sie hat von den anderen gelernt, wie man die Thermik und den Wind für sich nutzt, um so Energie und Kraft zu sparen. Alleine ist es natürlich viel schwieriger, da man nicht im Windschatten der anderen fliegen kann. Doch Malgorzata hat Glück und der Wind steht gut. So erreicht sie schlussendlich ohne Schwierigkeiten Key West, die südlichste Spitze Floridas. Weiter über die Everglades, wo sie auf keinen Fall Rast machen will, denn sie sieht schon von oben riesige Alligatoren, die sich in der Sonne räkeln, deshalb geht es direkt weiter nach Miami. Bald erreicht sie Miami Beach, ihr erklärtes Ziel. Sonne, Strand und Meer. Sonne und Strand hätten Malgorzata genügt, Meer müsste nicht sein, aber es ist herrlich warm hier. Am Strand tummeln sich die Möwen und versuchen bei jeder Welle die von ihr auf den Strand gespülten Muscheln zu ergattern. Das ist gut, denkt sie Malgorzata, da brauch ich mir nur die Füße nass zu machen, mehr nicht, und ich habe delikates Essen in Hülle und Fülle. Sie sucht sich eine nette leerstehende Behausung am Strand und richtet sich häuslich ein. Die laute moderne Vogelkolonie mit all den luxuriös ausgebauten Vogelnestern, gefällt ihr. Zuerst will sie sich ausruhen, um dann am kommenden Morgen nach außergewöhnlichem Strandgut zu suchen und ihre Behausung etwas aufzupeppen. Die Nacht war leider kurz, denn der Lärm der Nachtschwärmer ist für sie noch gewöhnungsbedürftig. Sie stolziert am nächsten Morgen, etwas müde jedoch hoch motoviert, den Strand entlang und findet so allerhand Nötiges und Unnötiges, das die Menschen am Vortag liegengelassen hatten. Einen Hut, Muscheln, eine Plastikschaufel, Sonnencreme, rosa Kinderbadeschlappen, ein Eimerchen, 2 kleine Sandförmchen, ein glitzerndes Fußkettchen mit einem rosafarbenen Stein, das bestens zum Hut mit dem rosa Blümchen passt und einen Schwimmreifen in Entenform. Sie nimmt auch den Schwimmreifen mit, denn wer weiß, vielleicht braucht sie ihn noch für irgendetwas, denkt Malgorzata. Sie bringt alles nach Hause und baut und mauert mit Eimerchen, Schaufel und Förmchen bis sie fertig ist. Schön ist es geworden mein Zuhause und ganz schön heiß ist mir geworden, denkt Malgorzata und schaut schwitzend auf ihr neues Zuhause. An der Ostseeküste war es nie so heiß, ganz im Gegenteil, sie ist diese tropische Hitze ganz und gar nicht gewohnt und zum ersten Mal beneidet sie die anderen, die sich wellenschaukelnd im Wasser tummeln. Ihr Blick fällt auf den Schwimmreifen mit Entenkopf. Sieht sicher lächerlich aus, ein Vogel braucht einen Vogel zum Schwimmen, was werden sich die anderen denken, überlegt sie. Kurz entschlossen nimmt sie den Schwimmreifen, setzt sich ihren Hut mit dem rosa Blümchen gegen die Sonneneinstrahlung auf und stolziert mutig in Richtung Strand. Eine kleine Abkühlung tut mir sicher gut und während sie in Richtung Wasser schlendert, denkt sie sich, dass sie bei so vielen bunten Vögeln mit Sicherheit nicht auffallen wird, legt den Schwimmreifen auf die Wasseroberfläche und setzt sich darauf.

 

Das rosarote Bilderbuch – Am Gauklermarkt

Adelheid putzt gründlich ihre Federn, poliert den Schnabel und legt etwas Rouge auf
Den Schmuck lässt sie lieber zu Hause, denn sie will nicht auffallen
Adelheid von Rothfeder & David Roggenfelder jun.

Der Gauklermarkt

Adelheid von Rothschnabel, sie stammt aus einer ganz alten Adelsfamilie, steht  schon früh auf, denn heute eröffnet der legendäre Gauklermarkt, der nur alle zwei Jahre in die Stadt kommt. Dieses Mal, das weiß Adelheid, wird sie mit Sicherheit dorthin fliegen. Ihre Eltern, die sich für etwas Besseres halten, wollten die Jahre zuvor nicht, dass ihre Tochter sich unter das gewöhnliche Volk mischt und schon gar nicht unter das einfache Gauklervolk. Dafür hatte Adelheid schon andere Möglichkeiten. Sie durfte sämtliche Opern- und Theaterhäuser der Umgebung kennenlernen, sie kann mittlerweile sogar die Operette „Der Vogelhändler“ auswendig zwitschern, und hatte eine Einladung in die „Maiburger Scala“, in das angesagteste Opernhaus des südlichen Westens, in dem sich nur die Reichen der Reichen zum Stelldichein treffen und durfte die berühmte Opernsängerin, Nana Trebko, nach der Vorstellung in ihrer Garderobe kennenlernen. Adelheid, die sehr an Kunst und Kultur interessiert ist, will unbedingt auch einmal etwas Anderes erleben und den Gauklermarkt, wenn es sein muss, auch heimlich besuchen, denn der Ruf des Marktes eilt ihm voraus, als einer der besten des gesamten königlichen Vogelreiches und noch darüber hinaus. Also putzt Adelheid gründlich ihre Federn, poliert den Schnabel und legt etwas Rouge auf. Den Schmuck lässt sie lieber zu Hause, denn sie will nicht auffallen. So schleicht sie heimlich aus dem Haus und fliegt in die Stadt. Am Stadtrand, auf dem großen Freigelände neben dem Fluss, haben die Markfahrer ihre Stände rund um ein buntes Zelt aufgebaut. Adelheid ist erstaunt über das bunte Treiben. Stelzengeher, Clowns, Hiphop-Tänzer, Beatboxende Jugendliche und Akrobaten bespielen den Platz rund um das Zelt und zwischen den Marktständen. Adelheid ist begeistert. Sie flaniert zum Zelt und hat Glück, dass noch einige Karten für die nächste Vorstellung, die in fünf Minuten beginnt, zu haben sind. Heute spielen sie den „Mittwinternachtstraum“ von Willi Shaker, ein sehr bekanntes Stück. Adelheid hat es schon in Topbesetzung im Theater in der Vogelgasse gesehen und ist schon auf die Umsetzung, Inszenierung und die Kostüme gespannt. Das Zelt ist fast ausverkauft und Adelheids Platz ist in der letzten Reihe rechts. Neben ihr sitzt ein junger Mann und blickt interessiert in die Runde. Adelheid setzt sich neben ihn. Er blickt sie lächelnd an, nickt ihr höflich zu und wünscht ihr eine schöne Vorstellung. Die Vorstellung beginnt und Adelheid amüsiert sich köstlich. Der Schlussapplaus ist fulminant und Adelheids Flügel beginnen bereits leicht zu schmerzen, so heftig klatscht sie mit. Viele Zuschauer sind sogar von ihren Sitzen aufgesprungen und zollen den Schauspielen mit stehenden Ovationen ihre Begeisterung. Der junge Mann neben ihr ist ebenfalls von seinem Platz aufgesprungen und klatscht heftig. Schon während der Vorstellung hat er Adelheid immer wieder ganz sanft angetippt und ihr Erläuterungen zum Stück zugeflüstert. Er scheint an Kunst auch sehr interessiert zu sein und sich gut auszukennen. Das gefällt Adelheid sehr. Am Ende verlässt sie das Zelt über die linke Außentreppe und will wieder in Richtung Marktausgang schlendern, als sie von hinten auf die Schulter getippt wird. Ihr Sitznachbar, er stellt sich höflich vor, David Roggenfelder Junior, bittet sie eine Stange Zuckerwatte mit ihm zu teilen. Adelheid, die schon lange keine mehr gegessen hatte und deren Eltern ihr zu viel Süßkram verboten hatten, ist erstens über seinen Namen, denn diesen hatte sie schon des Öfteren bei Gesprächen ihrer Eltern über Geschäfte gehört, und zweitens über die ungewöhnliche Spontaneinladung sehr überrascht und erfreut, stimmt sie zu. Sie essen gemeinsam Zuckerwatte und versprechen sich wiederzusehen. Bei der Verabschiedung schenkt David, Adelheid noch die Blümchen die er zuvor am Schießstand gewonnen hatte. Adelheid fliegt glücklich nach Hause. Leider wurde sie beim Betreten des Hauses von ihrem Vater erwischt, der sie natürlich zur Rede stellt und ihr sofort mit Hausarrest droht. Adelheid erzählt ihm von der tollen Vorstellung und den vielen neuen Eindrücken, was ihren Vater noch wütender macht. Als sie jedoch über ihre Begegnung mit David Roggenfelder Junior zu sprechen beginnt beruhigt sich ihr Vater erstaunlich rasch. Er verzeiht Adelheid ihren Ungehorsam, nimmt sie in die Arme und schließ genüsslich seine Augen. Er sieht vor seinem inneren Auge bereits die Realisierung seiner größten Projekte. Er sieht sich schon händeschüttelnd  und Bänder durchschneidend mit dem reichen Bankier, David Roggenfelder Senior, im Blitzgewitter der Fotografen in die jubelnde Menge lächeln.  

 

 

 

 

 

 

 

 

Das rosarote Bilderbuch – Aus dem Reich Himmelblau – Die Blaugefiederten

Inflagranti ertappt
Königin mit ihren Zofen

Als König Schnabelfroh von Himmelblau wieder einmal feststellen musste, dass seine Untertanen aus dem Volke Blaugefieder unerlaubt in seinen Teichen zum Fischfang geflogen waren, machte er sich selbst auf den Weg die Ungehorsamen zur Rede zu stellen. Er fand sie am kleinen „Blaustreifenfischteich“ mit erjagter Beute sozusagen inflagranti. Er klagte sein Leid seiner allerliebsten Angetrauten, Königin Rosamunde von Himmelblau. Die kluge junge Königin, die wusste, dass Blaustreifenfische kross gebraten wundervoll schnabeln, hatte großes Verständnis für ihr Volk. So erklärte sie ihrem verärgerten Gemahl, dass ihre Kammerzofen, die Gattinnen der Blaugefiederten, ihr erzählt hatten, dass sie mit dem Verzehr der königlichen Fische, lediglich ihrem großzügigen König huldigen wollen und dabei Loblieder auf ihn zwitschern. König Schnabelfroh fühlte sich ungemein geehrt und bat seine Untertanen um eine Unterredung. Die Blaugefiederten waren etwas verängstigt über die überraschende Einladung zur Audienz. Als jedoch König Schnabelfroh ihnen die offizielle Erlaubnis zum Fischfang im „Blaustreifenfischteich“ erteilte, waren sie zwar erstaunt über die Güte, verbeugten sich jedoch rasch gnädig und freuten sich einfach nur diebisch.    

Königliche Audienz